Thema

Freiheit

Für einen Fotografen ist das Thema „Freiheit“ gleichzeitig das einfachste und das schwierigste. Es braucht Talent, um sich von Stereotypen wie der monumentalen Statue vor dem Hafen von New York oder einem jungen Mädchen, das an einer Demonstration eine Fahne schwenkt, zu lösen. Oder, schlimmer noch, Klischees wie das eines Pferdes, das über eine Wiese galoppiert, oder eines fliegenden Vogels in der Morgendämmerung. Diesbezüglich haben die Preisträger des PRIX PHOTO 2011 mit ihren Interpretationen beispielhafte Originalität unter Beweis gestellt. Die soziale Befreiung der Urbevölkerung Boliviens, die Geister von Bettlern in den Genfer Strassen, die bedrückende Unsicherheit in Israel und den besetzten Gebieten, die unglaublichen Abenteuer eines Hyperhelden: Bildergeschichten, die auf ihre eigene Weise, positiv oder negativ, direkt oder indirekt, aufzeigen, welche grundlegende Bedeutung die Freiheit hat. Die Fotografie mag zwar ein Instrument der Macht sein, aber sie ist auch ein Instrument der Freiheit. Sie hat Massen von Fernweh geplagter Menschen die Fenster zur Welt geöffnet. Sie gab vielen die Möglichkeit, ihr Schicksal zu dokumentieren und sich selbst dadurch besser kennen zu lernen. Sie hat die Grausamkeit des Kriegs, Verletzungen der Menschenrechte, das Elend und den Hunger angeprangert. Und sie zeigt, zum Beispiel in Syrien, erneut Märtyrer der Demokratie, die fotografieren, damit die internationale Gemeinschaft nicht sagen kann, sie hätte nichts gesehen. Die Fotografie zwingt uns, hinzusehen. Die Freiheit zu haben, Ja zu sagen, zu urteilen, zu verstehen, Anteil zu nehmen, Nein zu sagen. Kurz: frei zu sein.
Luc Debraine