Verona / Rousset

L’évidence. Das Offensichtliche. Die Bilder von Raphaël Verona und Thomas Rousset hoben sich mit ihrer Unverfrorenheit und ihrer Überschwänglichkeit derart von allen andern ab, dass die Jury des Prix Photo 2011 keine Schwierigkeiten hatte, den ersten Platz zu vergeben. Aufgenommen in La Paz (Bolivien), zeugen die Aufnahmen von einer schönen Formgebung. Raffinierte Belichtung, sorgfältige Kompositionen, hervorragendes Licht. Weit davon entfern, lediglich einen Selbstzweck zu erfüllen, nutzen die Fotografen ihr technisches Know-how, um eine überraschende Erzählung über die Vergangenheit und die Gegenwart der Andenländer zu schaffen. Frauen und Männer, die von den bolivianischen Ureinwohnern abstammen und bis vor Kurzem noch verachtet und sogar von den Machthabenden misshandelt wurden, tragen feierliche Gewänder. Kleider in üppigen Farben, die auf Fabeln und Legenden beruhen. Die abgebildeten Menschen wurden in zeitgenössischen Räumlichkeiten oder in der freien Natur fotografiert. Der Kontrast zwischen ihrer aussergewöhnlichen Aufmachung und den alltäglichen Orten, die sie umgeben, verstärkt die beunruhigende Eigenartigkeit der Bilder. Oder bringt viel eher einen Effekt des magischen Realismus hervor, um den Bogen zur literarischen Tradition aus Südamerika zu schlagen. Wir, die Beobachteten und die Beobachter, schweben hier zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen dem Reich der Inkas und dem Bolivien von 2011. Ein Bolivien, das es geschafft hat – und es hoffentlich weiterhin schaffen wird! –, seine Urbevölkerung in einem Gesellschaftsprojekt mit dem Namen «bien vivir» («gut leben») zu reintegrieren. Ein gutes Leben, das Tradition mit westlichen Einflüssen und Mutter Erde mit Globalisierung vereint. Luc Debraine

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