Fabian Unternährer

Im Kloster San Marco in Florenz befindet sich ein Freskenzyklus von Fra Angelico, einem Meister des 15. Jahrhunderts, darunter eine einzigartige Darstellung der Verspottung Christi. Sie zeigt Christus von vorne, das Haupt von Dornen gekrönt, die Augen mit einem weissen Tuch verbunden, das die Augenlider durchscheinen lässt. Körperlose Henker bespucken ihn. Ihre im Profil dargestellten Gesichter und ihre ihn ohrfeigenden Hände schweben auf türkisfarbenem Grund.
Dies vorab als Schlüssel zum Verständnis der Arbeit von Fabian Unternährer. Die optische Wirkungskraft und die Verankerung der Arbeit in einem vom Fotografen verinnerlichten Referenzsystem, auf dem er aufbaut, haben die Jury überaus beeindruckt.
Mögen Komposition, Farbe und Verwendung des Lichts der fünf Aufnahmen auch an Caravaggio erinnern, dominiert vom Clair-Obscur, so gleicht das Sujet doch vielmehr einer modernen Neuinterpretation der Verspottung Christi aus dem Schaffen Fra Angelicos.
Nicht Christus, sondern ein junger Mann steht hier, Bartflaum auf den Wangen, blaue Unterhose, Arme oder Hände verschränkt, den Rücken gebeugt, die Augen geschlossen. Gedemütigt durch Wasser, eine Wasserbombe vielmehr, Dottergelb, die auf dem gebeugten, ergebenen Haupt zerplatzt.
Kein Blut, kein Spektakel, kein Slogan. Intoleranz, die auf einem weissen Leib zerbirst. Oder Toleranz desjenigen, der schweigend hinnimmt, was moralischen, physischen und gesellschaftlichen Ansprüchen widerspricht.
Starke Bilder, die dem Betrachter einen breiten Interpretations- und Reflektionsraum eröffnen, ohne jemals banal anzumuten. Gründe genug für die Jury, diese Arbeit mit dem ersten Preis auszuzeichnen.

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